„Saupreuß“ beim Sponsel: Wenn eine Essenerin auf Franken losgelassen wird

Kirchehrenbach, 7. Oktober 2026. – Es gibt Abende, da treffen Menschen aufeinander und verstehen sich auf Anhieb. Und dann gibt es Abende, an denen eine Frau aus Essen vor einem Saal voller Franken steht und sich fragt, warum eigentlich keiner das Wort „Schelle“ versteht.

Beim Sponsel in Kirchehrenbach nahm Claudia Bill, gebürtige Essenerin und inzwischen unfreiwillig bestens integrierte Zugereiste in Effeltrich, die fränkische Lebensart unter die Lupe. Ihr Kabarettprogramm beim Kunst- und Kulturverein Kirchehrenbach (KuKuKi) „Saupreuß“ war dabei weniger eine Kriegserklärung als vielmehr ein humorvoller Feldzug gegen fränkische Sprachgewohnheiten, Eigenheiten und die ganz besondere Kunst, aus drei Worten fünf Silben zu machen. Schon die fränkische Grammatik brachte die Saupreußin an ihre Grenzen. Im Ruhrgebiet heißt es schlicht: „Ich bade mich.“ In Franken wird daraus: „I bod mi, du bost di, mir demmersi bodn.“ Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Claudia Bill zeigte an diesem Abend jedenfalls eindrucksvoll, dass man als Zugereiste in Franken nicht nur ein paar neue Vokabeln, sondern gleich ein komplett neues Sprachsystem lernen muss. Und wehe, man spricht einen Laut falsch aus – dann ist man zwar vielleicht verstanden worden, aber noch lange nicht vollständig integriert. Besonders heikel wurde es bei einer Geschichte aus einem Nürnberger Haushaltswarengeschäft. Claudia wollte eine Klingel kaufen. Für eine Essenerin völlig logisch: Das Ding heißt „Schelle“. Also sagte sie zur Verkäuferin in Kittelschürze: „Ich hätte gerne eine Schelle.“ Ein Satz, der im Ruhrgebiet vermutlich niemanden aus der Ruhe bringt. In Franken dagegen kann er offenbar durchaus den Verdacht wecken, dass die Kundin gerade nicht nach einem Haushaltsgegenstand fragt. Inzwischen hat Claudia Bill allerdings eine gewisse Überlebensstrategie entwickelt. Als gelernte Kosmetikerin arbeitet sie in Effeltrich und hilft dort tatkräftig beim Projekt „Unser Dorf soll schöner werden“. Dabei hat sie einen besonderen Einblick in die fränkische Damenwelt gewonnen. Denn ihre älteren Kundinnen kommen nicht unbedingt wegen kosmetischer Problemzonen. Sie kommen zum „Schnorrn reissn“. Sie weiß inzwischen, dass „Bassd scho“ sowohl Zustimmung als auch Ablehnung bedeuten kann. Und sie hat vermutlich auch gelernt: Wenn ein Franke sagt „Des bassd scho“, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass noch lange nicht alles passt. Doch Claudia Bill teilte an diesem Abend nicht nur gegen die Franken aus. Auch die Ruhrpott-Seite bekam ihr Fett weg. Denn wer aus Essen kommt, sollte sich schließlich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Am Ende war deshalb klar: Keine Region ist normal. Die Franken wissen es nur noch nicht. Im Wirtshaus prallten an diesem Abend zwei Welten aufeinander: Ruhrpott und Fränkische Schweiz, Essen und Effeltrich, Saupreuß und Eingeborene. Und erstaunlicherweise ging niemand als Verlierer nach Hause. Vielleicht liegt das daran, dass Franken und Ruhrpottler trotz aller Unterschiede eine wichtige Gemeinsamkeit haben: Beide können ordentlich austeilen – und beide vertragen auch einen Spruch. So wurde aus dem vermeintlichen Kulturkampf ein ausgesprochen unterhaltsamer Abend, bei dem das Publikum reichlich zu lachen hatte und sich vermutlich der eine oder andere Franke selbst in den Geschichten wiedererkannte. Claudia Bill bewies, dass man als Saupreußin in Franken durchaus eine Chance hat. Man muss nur drei Dinge beherrschen: Fränkisch verstehen. Fränkisch überleben. Und im richtigen Moment „Bassd scho“ sagen. Beim Sponsel jedenfalls hat es gepasst. Oder, wie man in Franken sagt: „Bassd scho.“ Das ist vermutlich das höchste Lob das Claudia mit ihrer Bühnenfigur Marie Messingschlager aus Effeltrich mit perfektem „frängischen“ Zungenschlag in Kirchehrenbach bekommen kann.